In frischer Luft

Seit Jahrmillionen geht der Mensch nur an die frische Luft, um sein Überleben zu sichern. Ansonsten hält er sich lieber in Höhlen, Iglus oder Almhütten auf. Allen Behausungen ist gemeinsam, dass sie entweder gar keine oder nur sehr kleine Fenster haben, um den Menschen vor frischer Luft zu schützen. In diesen wohl temperierten Domizilen finden dann auch so angenehme Beschäftigungen wie Essen, Trinken oder Sex statt. Währenddessen lauern im Freien so unangenehme Gefahren wie widerlicher Gegenwind, peitschender Regen oder tödlicher Blitzschlag.

Generationen von Bootsbauern wussten und wissen um diese Zusammenhänge, und so statten sie bis heute alle Segelboote mit kleinen Fenstern aus. Doch die frische Luft akzeptiert die kleinen Fenster nicht und macht sich rücksichtslos in den Kabinen breit. Im Gegensatz zu einer Almhütte ist es in einem Segelboot selbst bei angenehmen Außentemperaturen kalt und feucht - sprich: äußerst lebensfeindlich! Wenn überhaupt lassen sich die bereits erwähnten angenehmen Beschäftigungen wie Essen, Trinken oder Sex somit nur unter erschwerten Bedingungen genießen.

Überdies hat sich der Mensch im Verlauf der Evolution dazu entschlossen, die Großfamilie als (Über-) Lebensform aufzulösen, um sich vorzugsweise als Single durch´s Leben zu schlagen. Respekt, Rücksichtnahme und Kompromissbereitschaft gehören nicht zu den Stärken eines modernen Singles. Segelcrews setzen sich aber meistens aus einem Haufen notorischer Individualisten zusammen, die den Umgang mit anderen Singles nicht gewohnt sind - sich an andere Singles auch nicht gewöhnen wollen.

In solchen Situationen wenden Schimpansen und Bonobos (Zwergschimpansen) zwei ausgefeilte Strategien zum Stress- und Aggressionsabbau an, um ein harmonisches Zusammenleben zu Gewähr leisten: Während männliche Schimpansen ihre Söhne töten, um sich lästige Konkurrenz vom Leibe zu halten, kopulieren die Bonobos mit allem und jedem - täglich rund 90 Minuten, wobei ein Geschlechtsakt lediglich 15 bis 30 Sekunden dauert! Beide Strategien sind auf einem Segelboot nur schwer vorstellbar, auch wenn es sich so mancher Homo Sapiens nach drei Tagen auf See wünschen würde.

Was macht aber dann den Reiz des Segelns aus? Belustigt setzt sich auch Jacques Gombert in Das endgültige Seglerhandbuch mit dieser Frage auseinander, ohne eine wirklich befriedigende Antwort zu finden. Macht aber nichts, denn für einen großartigen Segeltörn braucht es ohnehin nur eines: Starken Wind! Der Spaß kommt dann schon von alleine. Oder vielleicht doch nicht?

Noch ein wenig Geduld!

Aktuell hart am Wind!




  
  
  
  
  
  


   

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